Glorias Rettung im Bollerwagen

Mit Begeisterung und diebischer Freude spielt die Singschule "Alice im Glcokenland"

Flauschige Pompons hängen als Girlande über der golden beleuchteten Bühne. Hier eine gemütliche Fachwerkfassade, davor ein kleiner Holzzaun, durch den bunte Blumenkelche blicken. Über allem thront majestätisch das hundertjährige Geburtstagskind: die Kirchenglocke Gloria.

 
 
Quelle: Weinheimer Nachrichten / wnoz.de
 
Rasch wechseln die Bahnen zwischen den drei Szenerien, geben den Blick frei auf eine unbekannte Fabelwelt mit Wesen und Werbeschildern. Es ist ein märchenhaftes Arrangement, das dem Zuschauer in der Peterskirche von Beginn an eröffnet wird.

„Alice im Glockenland“ lebt von dieser Atmosphäre, und der Inszenierung gelingt es, auch die Zwischenräume wirkungsvoll auszuleuchten: Papagenos Federkleid schimmert farbenfroh, Schillers Dichterfeder wackelt munter über die Schriftrolle, die Tier- und Sternenkinder (Goldkehlchen, Jungenchor) ziehen einträchtig ihre Bahnen. Erneut sind es die scheinbar nebensächlichen choreografischen Details, die sich zu einem wunderbaren Theaterereignis fügen. Und das ist das Prädikat von „Alice im Glockenland“ bis zum Schlusslied.

Die Singschule an der Peterskirche begeistert in zwei Aufführungen das Publikum. Am Samstagabend erschallt donnernder Applaus, verdientermaßen für alle Akteure und insbesondere für die Verantwortlichen Anne-Christine Langenbach, Maren Löffel, Eva Braunstein und Martina Jochim-Haag, die das Stück mit den fast hundert Kindern monatelang einstudiert haben, sowie die begleitenden Instrumentalisten des Projektorchesters.

Das Musical von Johannes Matthias Michel rund um das rätselhafte Verschwinden der hundertjährigen Glocke Gloria entfaltet seine Qualität vor allem durch das Spiel der jungen Künstler. Ohnehin verlangt „Alice im Glockenland“ den Darstellern auf der Bühne einiges ab. Sologesang, lange Sprechdialoge sowie sekundengenaue Abstimmung mit Orchester und Chor bedürfen sorgfältiger Vorbereitung, um so stimmig wie hier vorgetragen zu werden. Und dank des Instrumentariums bekommen die einstudierten Bewegungen auf den Punkt gespielte Effekte aufgesetzt.

Anastasia Bechtold (Sonntag: Isabelle Bürmann) erklingt als Alice in ihren Soli hellzart. Ein Hörgenuss wird gleich zu Beginn ihr „Hört Ihr, wie die Vögel singen“; treu begleitet von Ziege Esmeralda (Charlotte Harnisch/Lilian Krombach). Ebenso glasklar holt sich Christoph Einig mit „Festgemauert in der Erden“ als Friedrich von Schiller (Sonntag: Helena Tscherwinka) die noch fehlende Inspiration für seine Glockenballade.

Sprachliche Herausforderung

Sicher schauspielern auch die Weggefährten aus dem Glockenland. Da erscheint gleich hinter der geheimnisvollen Weltentür der hilfsbereite chinesische Fremdenführer (Alicia Fedler/Bastian Schmidt). Gut gemeistert, denn der Dialogtext für Ding Dang Dong ist bereits als sprachliche Herausforderung angelegt. Hinzu gesellen sich ein Uhrmacher (Emely Wielinger/Jana Purpus) auf der Suche nach einer Glockenmelodie für Big Ben. Papageno (Anika Kraus/Laura Spinola) kümmert sich putzmunter um sein Glockenspiel und begeistert mit Witz. Parsifal (Nele Kraus/Nele Irmscher) traut sich in wahrhaft ritterlicher Größe ans Gralsmotiv.

Herrlich keck und ausgesprochen sympathisch agieren auch die Gegenspieler. Eine Horde von Grünspanzwergen (Singparadies) hat die Glocke Gloria zum Fressen gern und wuselt, angespornt von ihrer Anführerin Madame de la Rost (Helena Hoffmann), über die Bühne. Mit diebischer Freude versetzen sie die Kleinstadt Taschenburg in helle Aufregung und liefern sich am Ende einen wenig zimperlichen Kampf mit den Glockenfreunden, bis die Rockfetzen fliegen.

Dennoch souverän zusammengehalten werden Orchester, Chor und Solisten von der Kantorin Anne-Christine Langenbach, die es als Gesamtleiterin seit nunmehr 13 Jahren auf bewundernswerte Weise schafft, mit der Singschule an der Peterskirche solch aufwendige Stücke auf die Beine zu stellen. Das setzt allerdings organisatorische und finanzielle Unterstützung im Hintergrund voraus. Diese wird durch die Stiftung „Chorklang“ seit nunmehr zwei Jahren eigens für solche Projekte mitgetragen.

Ein lohnenswerter Einsatz und für das Publikum ein Vergnügen bis zum Happy End. Nur durch gemeinsame Anstrengung wird Gloria im Bollerwagen wieder zu ihrem Ursprungsort gebracht. Ganz Taschenburg stimmt ein Hoch auf Alice an. Besonders erleichtert ist da die Bürgermeisterin, bei beiden Auftritten hervorragend besetzt durch Selin Oenal.

Alle Glockenprobleme sind am Ende behoben. Selbst Schiller gelingt bekanntermaßen die klassische Meisterballade. Aus der Kleinstadt hinein in die Fabelwelt und umjubelt zurück. Dank treuherziger Begleiter, und seien sie noch so eigenwillig.

Derart bezaubernd kann man über Freundschaft dies- und jenseits von Grenzen erzählen. 
 
Bericht der Weinheimer Nachrichten vom 24.10.2016
 
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